Princess X90: Wie die Super-Flybridge das Hauptdeck vollständig freigibt

Wie lässt sich auf einer Yacht mehr Wohnfläche schaffen, ohne einfach nur den Rumpf zu verlängern? Die Princess X90 liefert mit ihrer Architektur eine Antwort darauf. Das verlegte Steuerhaus, die Eignersuite auf dem Hauptdeck und das ausziehbare Cockpit verändern die übliche Raumaufteilung einer Yacht dieser Größe grundlegend.

Eine 27 Meter lange Yacht, deren Raumaufteilung sich am Wohnbereich orientiert

Mit einer Gesamtlänge von 27,11 m einschließlich Bugspitze soll die Princess X90 nicht nur die Lücke zwischen der X80 und der X95 Vista schließen. Ihre Architektur treibt das Prinzip, das die X-Class-Reihe prägt, noch weiter voran: mehr Fläche des Bootes für Wohnbereiche zu nutzen, indem bestimmte Funktionen, die traditionell auf dem Hauptdeck untergebracht sind, verlagert werden.

Mit einer Breite von 6,62 m und einer angegebenen Verdrängung von etwa 91,5 Tonnen ist die X90 nach wie vor eine stattliche Yacht. Sie verfügt über einen Tankinhalt von 11.000 Litern Diesel und 1.500 Litern Frischwasser. Ihr Reiz liegt jedoch weniger in diesen Zahlen als vielmehr darin, wie Princess ihre drei Decksebenen nutzt. Entscheidend ist die Lage des Hauptsteuerstands. Er befindet sich nicht im vorderen Bereich des Hauptdecks, sondern auf dem Oberdeck, in einem geschlossenen Bereich, der mit der Skylounge verbunden ist. Durch diese Verlegung wird auf dem Hauptdeck viel Platz frei, sodass dort die Eignersuite untergebracht werden kann. Das ist das Prinzip der ?Super Flybridge?, das Princess für seine X-Reihe entwickelt hat: Die Flybridge ist nicht mehr nur ein Außensteuerstand mit einigen Sitzbänken. Sie wird zu einem echten zusätzlichen Deck mit Innen- und Außenbereichen.

Das Steuerhaus wird um ein Stockwerk angehoben und gibt so den Hauptdeckbereich frei

Die Verlegung des Steuerstands verändert den Durchgang an Bord erheblich. Auf der X90 verläuft das Hauptdeck vom hinteren Bereich bis zum vorderen Teil, in dem sich die Eignersuite befindet, auf gleicher Höhe. Letztere verfügt über Verglasungen, die einen weitgehend freien Blick nach vorne und zu den Seiten bieten. Eine optional erhältliche Flügeltür ermöglicht es sogar, direkt aus der Kabine auf eine Terrasse auf dem Vorderdeck zu gelangen.

Der Nutzen ist nicht nur ästhetischer Natur. Auf einer Yacht, die dafür ausgelegt ist, Besatzung und Gäste über mehrere Tage hinweg zu beherbergen, wird die Trennung der Verkehrswege schnell genauso wichtig wie die Vergrößerung der Wohnfläche. Princess sieht daher Wegeführung vor, die es der Besatzung ermöglicht, ihre Arbeit zu verrichten, ohne ständig die für Eigner und Gäste reservierten Bereiche durchqueren zu müssen. Im vorderen Bereich können die Crew-Quartiere bis zu drei Kabinen, ein Badezimmer und einen Crew-Aufenthaltsraum mit Küchenecke umfassen.

Auf dem Hauptdeck kann die Küche in zwei Varianten gestaltet werden. Sie kann offen gestaltet sein, mit einer Theke, die zu den Wohnbereichen hin ausgerichtet ist, oder geschlossen, um eine klassischere Anordnung mit Besatzung zu ermöglichen.

Ein Cockpit, das vor Anker an Breite gewinnt

Die auffälligste Veränderung betrifft wohl das Heck. Zum ersten Mal bei einem Princess-Modell lassen sich die seitlichen Cockpit-Schanzkleider sowohl backbord als auch steuerbord absenken. Dieses Prinzip ist mittlerweile auf Yachten und einigen kleineren Booten weit verbreitet: Ein Teil der Bordwand wird bei Stillstand des Bootes zu einer horizontalen Plattform. Dadurch vergrößert sich die nutzbare Breite des Cockpits, ohne den Platz während der Fahrt oder beim Manövrieren im Hafen einzuschränken.

Beim X90 ergänzen diese beiden Anbauten ein Cockpit, das relativ nah am Wasser liegt. Das Heck ist zudem mit einer verglasten Reling ausgestattet, um die Sicht nach hinten zu gewährleisten. Man muss jedoch zwischen verfügbarer Fläche und einer eigentlichen Badeplattform unterscheiden. Diese Balkone vergrößern vor allem den Lebensraum im Freien. Ihr Nutzen zeigt sich daher vor allem vor Anker, wenn das Cockpit zu einem der Zentren des Lebens an Bord wird. Eine weitere Lösung trägt zu dieser Kontinuität bei: Die Tür zwischen Cockpit und Essbereich ist geschwungen gestaltet. Im geöffneten Zustand verbindet sie den für zehn Personen ausgelegten Tisch im Innenraum direkt mit dem Außenbereich. Im geschlossenen Zustand gewährleistet ihre verglaste Fläche weiterhin die Sicht nach hinten.

Dieses Streben nach Kontinuität zwischen Innen- und Außenbereich ist bei einem Schiff mit mehr als 90 Tonnen keine Nebensache. Bei dieser Größe kann die Vielzahl an Decks, Trennwänden und Durchgängen die Räume schnell zersplittern. Princess ist hingegen bestrebt, lange Sichtachsen quer durch das Schiff zu bewahren.

Das Oberdeck wird zu einem zweiten vollwertigen Wohnbereich

Die Verlegung des Steuerhauses wäre weniger sinnvoll, wenn das Oberdeck lediglich eine technische Brücke wäre. Die X90 weist daher eine Aufteilung auf, die eher der einer Dreideck-Yacht ähnelt. Die Skylounge bildet den inneren Bereich. Sie umfasst einen von Glaswänden umgebenen Aufenthaltsraum und kann optional mit einem 85-Zoll-Fernseher ausgestattet werden. Schiebetüren trennen sie vom Steuerhaus.

Im Außenbereich lässt sich der hintere Teil der Flybridge individuell gestalten. Der Eigner kann sich beispielsweise für mobile Möbel, eine Bar oder einen Whirlpool entscheiden. Eine weitere Konfiguration ermöglicht es, diesen Bereich für den Transport eines Beibootes zu nutzen, wobei ein Kran für dessen Handhabung vorgesehen ist. Im vorderen Bereich lassen sich die Sitzgelegenheiten in Sonnenliegen umwandeln. Das Boot verfügt somit über mehrere klar voneinander getrennte Außenbereiche: Vorderdeck, hinteres Cockpit und Flybridge.

Diese Aufteilung entspricht einer ganz besonderen Anforderung an Yachten dieser Größe. Die Anzahl der Passagiere ist groß genug, dass mehrere Gruppen das Boot gleichzeitig nutzen können, doch die X90 ist deutlich kompakter als eine Superyacht mit vier oder fünf Decks. Die vielseitige Nutzbarkeit derselben Flächen ist daher von entscheidender Bedeutung.

Bis zu fünf Kabinen für die Eigner und ihre Gäste

Da sich die Eignersuite auf dem Hauptdeck befindet, steht das Unterdeck den Gästekabinen zur Verfügung. Die angekündigte Standardkonfiguration umfasst drei Kabinen mit eigenem Bad unterhalb des Hauptdecks. Zusammen mit der Eignerkabine verfügt die Yacht somit über vier Kabinen für Eigner und Gäste. Eine alternative Konfiguration ermöglicht es, die Gesamtzahl auf fünf Kabinen zu erhöhen, wobei zu den vier Gästekabinen die Suite auf dem Hauptdeck hinzukommt. Die aktuellen Angaben von Princess weisen somit eine maximale Kapazität von zehn Schlafplätzen aus.

Die Unterbringung der Besatzung bleibt separat, wobei sich die Unterkünfte im vorderen Teil der Yacht befinden. Diese Trennung gewinnt besonders an Bedeutung, wenn die Yacht mit mehreren professionellen Besatzungsmitgliedern an Bord betrieben wird.

Ein neuer Rumpf zur Erweiterung des Einsatzbereichs

Die Neuerungen beschränken sich nicht nur auf die Innenausstattung. Die X90 führt eine Rumpfarchitektur ein, die Princess als ?Hybrid Progressive-Planing? (H.P.P.) bezeichnet. Dieser Rumpf wurde gemeinsam mit dem britischen Büro Olesinski, einem langjährigen Partner der Werft, entwickelt und zielt darauf ab, zwei Fahrmodi miteinander zu vereinbaren, die bei einer schweren Yacht oft nur schwer zu vereinen sind: eine relativ sparsame Fahrt bei niedriger Geschwindigkeit und die Fähigkeit, in den Gleitmodus zu wechseln, um Geschwindigkeiten von deutlich über 20 Knoten zu erreichen.

Dieses Thema ist beim X90 besonders interessant. Seine angegebene Verdrängung beträgt über 91 Tonnen. Um eine solche Masse mit 25 Knoten und mehr anzutreiben, ist natürlich eine beträchtliche Leistung erforderlich, während der Betrieb bei reduzierter Geschwindigkeit anderen hydrodynamischen Bedingungen unterliegt.

Princess gibt an, dass dieser Rumpf bei Geschwindigkeiten über 16 Knoten etwa 10 % weniger Leistung benötigen würde als eine Y85, sofern die Verdrängungen zur Gewährleistung eines aussagekräftigen Vergleichs normiert werden. Bei Geschwindigkeiten unter 10 Knoten gibt die Werft zudem an, dass der Kraftstoffverbrauch mit dem der Y85 vergleichbar ist, obwohl die X90 etwa 18 Tonnen schwerer ist.

Je nach Motorisierung zwischen 3.800 und 4.400 Pferdestärken

Das von Princess veröffentlichte Datenblatt sieht drei Leistungsstufen vor. Das Einstiegsmodell basiert auf zwei MAN V12-1900 mit jeweils 1.900 Pferdestärken. Eine zweite Konfiguration nutzt zwei V12-2000 mit 2.000 PS, während die leistungsstärkste Variante mit zwei V12X-2200 mit jeweils 2.200 PS ausgestattet ist. Die Gesamtleistung kann somit bis zu 4.400 PS erreichen...

Je nach Motorisierung gibt Princess eine Höchstgeschwindigkeit zwischen 22 und 27 Knoten an. Der Hersteller weist jedoch darauf hin, dass diese Leistungsdaten je nach Beladung, Zustand des Rumpfes und der Heckausleger, Temperaturen sowie Seegangsbedingungen variieren können.

Die Princess X90 muss nun zeigen, ob sie das hält, was ihr Rumpf verspricht

Die X90 verdeutlicht letztlich eine recht deutliche Entwicklung bei großen Motoryachten: Die Länge ist nicht mehr der einzige Hebel, um Platz zu gewinnen. Durch die Verlagerung technischer Funktionen, bewegliche Schanzkleider und die zunehmende Anzahl umgestaltbarer Flächen lässt sich ein gegebener Rumpf auf andere Weise nutzen. Princess treibt diese Logik ziemlich weit voran, indem das Steuerhaus vom Hauptdeck entfernt wird, um dieses fast vollständig den Wohnbereichen zu widmen. Das erweiterbare Cockpit setzt diesen Ansatz im Außenbereich fort.

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