Es gibt Segler, die einen Sieg nach dem anderen einfahren. Und dann gibt es Norbert Sedlacek. Seit acht Jahren sammelt der Österreicher vor allem ? Neuanfänge. In den Jahren 2018, 2019, 2021, 2022 und 2023 endete sein ehrgeiziges Projekt ?ANT ARCTIC LAB? vorzeitig, immer aufgrund eines technischen Problems. In diesem Jahr bricht er zum sechsten Mal auf. Irgendwann fragt man sich dann doch, ob sein wahrer Rekord nicht die Anzahl der abgehakten Checklisten ist, bevor er den Steg verlässt.
Sechster Start, derselbe Kurs, dieselbe Entschlossenheit

Das Szenario ist mittlerweile wohlbekannt. Start in Les Sables d?Olonne, Fahrt nach Norden bis nach Spitzbergen auf 80° Nord, große Abfahrt den Atlantik hinunter, Umrundung der Antarktis, Passage von Kap Hoorn und Rückkehr in die Vendée nach etwa sechs Monaten auf See. Auf dem Papier erscheint die Route bereits übertrieben. In der Realität ist sie es noch viel mehr. Und dennoch glaubt Sedlacek weiterhin mit einer fast schon verblüffenden Beharrlichkeit an sein Projekt.
Schon die ersten fünf Versuche erzählen für sich genommen eine Geschichte.
- Im Jahr 2018 fallen im Süden Irlands mehrere Anlagen aus. Zurück zum Hafen.
- Im Jahr 2019 ging mitten im Sturm nach einer Reihe technischer Probleme ein Vorsegel verloren.
- Im Jahr 2021 zwingen die Energieerzeugungsanlagen den Seefahrer dazu, vor der Küste Islands aufzugeben.
- Im Jahr 2022 setzten Probleme mit dem Ruder dem Abenteuer ein Ende.
- Im Jahr 2023 schließlich beschließen der Kippkiel und seine Elektronik, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren. Man könnte fast meinen, sein Boot wolle unbedingt jeden Sommer wieder nach Les Sables d?Olonne zurückkehren.

Hinter den zurückgelassenen Schiffen verbirgt sich ein regelrechtes schwimmendes Labor
Sedlacek jedoch nur auf seine Rücktritte zu reduzieren, hieße, das Wesentliche zu übersehen.
Seine 60-Fuß-Yacht war nie als bloßes Rekordsegelboot konzipiert. Sie wurde in seiner Werft ?Innovation Yachts? gebaut und dient als Testplattform für eine nachhaltigere Bauweise. Der Rumpf besteht aus Vulkangesteinsfasern in Verbindung mit biobasierten Harzen. Das Boot verfügt zudem über Recyclinglösungen, die bei einer Segelyacht dieser Größe selten zu finden sind.

Die Open60AAL verfügt zudem über einen vollelektrischen Antrieb, Hydrogeneratoren, verstärkte wasserdichte Abteilungen und eine Konstruktion, die so ausgelegt ist, dass sie Eis und Treibgut standhält. Ihr Ziel geht weit über sportliche Leistungen hinaus.
Der Seemann, der sich weigert, seine Idee aufzugeben
An Kritik mangelt es nicht. Manche sind der Meinung, dass Sedlacek zu früh aufgibt. Andere halten sein Vorhaben für unrealistisch. Doch es gibt ein Detail, das man kaum übersehen kann. Nach jedem Misserfolg kehrt der Seefahrer in seine Werft zurück, baut das Boot auseinander, analysiert es, nimmt Änderungen vor, verstärkt es und bricht dann erneut auf. Ohne eine Revolution anzukündigen, ohne bei jeder Pressekonferenz eine historische Heldentat zu versprechen.
Diese Beharrlichkeit verdient Respekt. In einer Zeit, in der viele Projekte schon beim ersten finanziellen oder technischen Hindernis scheitern, verfolgt Sedlacek sein Projekt mit einer fast schon entwaffnenden Beständigkeit weiter.
Vielleicht klappt es ja beim sechsten Versuch endlich. Oder vielleicht auch nicht.
Sollte jedoch eines Tages ein siebter Start angekündigt werden, wäre es sehr wahrscheinlich, dass niemand mehr wirklich überrascht wäre. Norbert Sedlacek gehört zu jener ganz besonderen Kategorie von Seglern, für die ein Aufgeben kein Ende bedeutet, sondern lediglich einen etwas längeren Zwischenstopp als geplant.


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